Was ist eigentlich der ICD 10?

Jeder Arbeitnehmer, der schon einmal mit einer gelben Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vom Arzt gekommen ist, hatte bereits mit dem ICD 10 zu tun. Der ICD 10 ist eine Codierung bzw. Verschlüsselung von anerkannten Erkrankungen mittels einer mehrteiligen Kennzahl.

Es geht dabei um Diagnosen, die nach einem bestimmten System geordnet und mit Buchstaben-Zahlen-Codes versehen werden. Die Erkrankung muss von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) anerkannt worden sein.

Grundsätzliches zum ICD 10

Das Kürzel "ICD 10" bedeutet in der Übersetzung so viel wie "International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems". Auf Hochdeutsch: "Internationale statistische Klassifikation von Krankheiten und verwandten Gesundheitsproblemen". Der ICD 10 gilt weltweit einheitlich. Das dürfte ziemlich einmalig sein.

Eine Eingabetastatur mit einem Stethoskop und der ICD 10 Codierung "Internationale statistische Klassifikation von Krankheiten und verwandten Gesundheitsproblemen"

Jedes Land hat seine - in die eigene Landessprache übertragene - Version des medizinischen Verschlüsselungssystems. Dem derzeit geltenden ICD 10 soll 2022 der ICD 11 folgen. Die Ziffer hinter den Buchstaben ICD bezeichnet also die jeweilige Auflage des international geltenden Diagnoseschlüssels.

Doch warum stellt dieser keine feststehende Größe dar, sondern muss gelegentlich ein Update erfahren? Ganz einfach: weil ständig neue Erkrankungen eingegliedert werden müssen. Weil Erkrankungen durch neue Erkenntnisse gelegentlich anders bezeichnet werden, oder an einer anderen Stelle eingeordnet werden. Als Beispiel für begriffliche Präzisierungen betrachten wir nun die Persönlichkeitsstörung.

Begriffliche Umbenennungen und inhaltliche Präzisierungen

Früher sprach man oft von Neurosen. Heute benutzen die Mediziner den allgemeineren Begriff "Persönlichkeitsstörung". Ob dieser bei Betroffenen ein positiveres Image hat, sei dahingestellt. Wer möchte sich schon als gestört ansehen? Der Begriff "Persönlichkeitsstörung" kann anschließend in unterschiedliche Störungsbilder unterteilt werden.

Diese werden genau beschrieben. Sie erhalten anschließend eine etwas erweiterte Kennziffer. Eine Störung ist ein nicht dauerhafter Zustand. Es besteht also die Möglichkeit, diesen zu behandeln oder gar zu heilen. Sämtliche heute gelisteten Persönlichkeitsstörungen finden sich im ICD 10 unter den Kennziffern F60 bis F69.

Unter jeder dieser Kennziffern werden klar zuzuordnende Störungen verzeichnet. Wer sich das einmal ansehen möchte, kann dies unter diesem Link tun. Wie jeder Leser erkennen kann, werden die einzelnen Diagnose-Kennziffern inhaltlich klar voneinander abgegrenzt.

Neue Bewertungen von Erkrankungsbildern sind keine Ausnahme

Zu einer Neuauflage des Diagnoseschlüssels kommt es alle zehn Jahre, sofern neue wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen. Es kann sein, dass manche Erkrankungen diesen Erkenntnissen zufolge zukünftig anders bewertet werden. Jede Diagnose ist zunächst einmal eine spezifische Betrachtungsweise.

Zwar beruht sie auf objektiven Fakten und verifizierbaren Labordaten. Diese sind aber gemäß dem geltenden medizinischen Paradigma auf eine bestimmte Weise interpretierbar. Auch hier ein Beispiel. In den Siebzigern wurde der Begriff "Umwelterkrankungen" geprägt.

Darunter fielen beispielsweise die "Multiple Chemische Sensitivität" (MCS) oder das "Sick Building Syndrom" (SBS). Damals ging man davon aus, dass diese Erkrankungen durch äußere, umweltbedingte Einflüsse verursacht wurden. Jahre später galten dieselben Erkrankungen als psychische Erkrankungen und Öko/Hypochondrie.

Betroffene wurden als depressiv angesehen. Sie wurden entsprechend behandelt. Da sie aber eine Entgiftung benötigt hätten, verschlimmerte sich ihr Zustand durch die Antidepressiva. Heute ist man geneigt, die MCS als eine der Multisystemerkrankungen anzusehen.

Neben äußeren Einflüssen durch toxische Materialien spielen bei der MCS eindeutig auch genetische Dispositionen, mangelnde Entgiftungsfähigkeit oder Vorbelastungen durch bestimmte Infekte eine Rolle. Im ICD 10 wird MCS trotzdem der Kennziffer T78.4 der Einstufung "Allergie, nicht näher bezeichnet" zugeordnet.

Erstens handelt es sich bei den durch Toxine ausgelösten Erkrankungen eindeutig nicht um Allergien. Vielmehr geht es um chronische Vergiftungen durch toxischen Substanzen im Niedrigdosisbereich. Die für eine Allergie typischen Antikörper sind in der Regel nicht vorhanden.

Trotzdem können Betroffene - unabhängig von ihrer Multisystemerkrankung - an Allergien leiden. Zweitens sieht das derzeitig geltende medizinische Paradigma solche Erkrankungen aufgrund politischer Gegebenheiten als irrelevant oder nicht existent an. Das zeigt sich auch an der aktuellen Einstufung im ICD 10.

Der Nachweis der Vergiftungsursache ist meist nicht möglich. Die Erkrankung bricht meist erst Jahre später aus. Die anschließenden Überempfindlichkeitsreaktionen, Schmerzen und immunologischen Folgen werden derzeit als "Allergie, nicht näher bezeichnet" eingestuft. Man darf gespannt auf das ICD 11 sein. Doch vermutlich wird sich an dieser Einstufung so schnell nichts ändern.

Genügen solche Verschlüsselungen Datenschutz-Anforderungen?

Bedingt genügen sie auf jeden Fall. Heutzutage kann ein Arzt auf der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung eine Kennziffer statt einer ausführlich beschriebenen Diagnose eintragen. Die Kurzfassung der Diagnose dient dem Datenschutz und dem Schutz des Patienten. Vor allem aber soll das ICD 10 Medizinern die Arbeit erleichtern.

Was es zugegebenermaßen nicht immer leistet. Manche psychischen Erkrankungen mit unklarer/widersprüchlicher Symptomatik könnte man beispielsweise unter zwei unterschiedlichen Kennziffern einordnen. Ein Arbeitgeber erhält nur eine Kopie der Krankschreibung.

Diese enthält jedoch - im Unterschied zum Original - keine Kennziffer aus dem ICD 10. Somit ist der Schutz von Patienteninteressen gewährleistet. Der Patient selbst könnte natürlich im ICD 10 nachsehen, was die eingetragene Ziffernkombination bedeutet. Immerhin ist die Verschlüsslung der Diagnose heutzutage im Internet recherchierbar.

Für manche Patienten kann die Entschlüsselung der Kennziffer-Folge allerdings belastend sein. Möglicherweise geben behandelnde Ärzte manchmal mündlich eine beschönigende Diagnose ab. Diese wird durch die Krankheitsbeschreibung hinter den Kennziffern entlarvt.

Möglicherweise sollten sich psychisch kranke Patienten nicht genauer darüber informieren, wie der Arzt sie beurteilt hat. Sie könnten sich anschließend ungerecht behandelt und falsch verstanden fühlen - und die Therapie verweigern. Insofern liegen mit dem Diagnoseschlüssel des ICD 10 auch gewisse Risiken vor.

In der Regel wird ein Arbeitgeber nur aus nachvollziehbaren Gründen erfragen, welche Erkrankung ein Mitarbeiter hat. Der Kündigungsschutz besagt, dass niemand wegen seiner Erkrankung gekündigt werden darf. Insofern war es zum Beispiel wichtig, Alkoholismus als Erkrankung zu erkennen und einzustufen.

Was verbirgt sich hinter dem Kürzel DIMDI?

Der ICD 10 weist mittlerweile 22 Hauptkategorien mit Diagnosen auf. Diese werden wiederum in zahlreiche Unterkategorien unterteilt. Die Betreuung der aktuellen deutschen ICD-Liste obliegt jeweils dem "Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information", kurz DIMDI.

Angesiedelt ist das DIMDI in Köln. Dieses Institut betreut die GM-Liste des ICD 10 - also die den nationalen Bedürfnissen angepasste "German Modification" (GM) des internationalen Diagnoseschlüssels. Zwar ist das ICD 10 eine weltweit einheitliche Liste mit Diagnoseschlüsseln.

Fakt ist aber, dass die Vereinheitlichung auf nationaler Ebene nicht zu 100 Prozent umgesetzt wird. In einigen Ländern sind bei den landeseigenen Ausgaben im Detail einige Unterschiede zu bemerken. Als Begründung dafür werden die unterschiedlichen Verwendungszwecke von ICD-Codes angegeben.

In Sterbe-Statistiken und auf dem Totenschein gelten alle ICD-Kennziffern, die weltweit Gültigkeit haben. Unser Abrechnungssystem für medizinische Leistungen ist aber sehr spezifisch. Folglich können hier im Detail andere Kennziffern an die Krankenkassen gemeldet werden. Bei aller Bemühung zur Vereinheitlichung ist eben nicht alles zu 100 Prozent gleichzuschalten.

Regelmäßige Aktualisierung des ICD-Katalogs

Die derzeit noch geltende ICD-Fassung wurde auf der 10. Revisionskonferenz, die 1989 in Genf tagte, verabschiedet. Es ergaben sich wesentliche Erweiterungen im Vergleich zur neunten Version. Die verabschiedete ICD 10-Fassung wird danach alljährlich mehrfach aktualisiert - und zwar bevor sie nach zehn Jahren komplett überarbeitet wird.

Bezeichnet wird die alljährliche Anpassung im Detail dann als "ICD 10 WHO-Version von 2019". Die spezielle deutsche Fassung heißt dann "ICD-10-GM Version von 2019". Mit der Verabschiedung des 2022 geplanten Diagnoseschlüssels ICD 11 sollen auch Kennziffern für die Spielsucht oder die Trennungsangst eingeführt werden.

Das ICD 11 soll zum 1. Januar 2022 in Kraft treten. Es ist anzunehmen, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen dann umgehend nachsehen, ob ihre Erkrankung mittlerweile anders eingestuft wird. Das ist zum Beispiel bei den Menschen der Fall, die wegen der "Multiplen Chemischen Sensitivität" oder eines "Sick Building Syndroms" als psychisch Kranke oder Pseudo-Allergiker eingestuft werden.

Sie bekommen deswegen keinen angemessenen Behinderungsgrad, keinen Schadensersatz und keine Rente zugesprochen. Die Betroffenen erhalten außerdem weder eine Entgiftungsbehandlung, noch eine dem Krankheitsbild angepasste Reha- oder Kurmaßnahme.

Die Kassen verweigern aufgrund der aktuellen Einstufung mancher Erkrankungen im ICD 10 außerdem die Übernahme von Kosten für Heilmittel oder naturheilkundlichen Behandlungen. Die Bewertung und Anerkennung einer Erkrankung im internationalen Diagnoseschlüssel hat also durchaus eine politische Dimension.

Solange die Verursachung einer durch Chemikalien und Toxine verursachten Multisystemerkrankung nicht anerkannt wird, gibt es keinerlei Rechte für die Betroffenen. Ähnliches erleben Röntgentechniker der Bundeswehr, deren Krebserkrankungen nicht als berufsbedingt anerkannt werden. Mit jedem neuen ICD-Schlüssel gibt es also die Gelegenheit, solche Missstände zu ändern. Oder eben nicht.

 

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