Iliosakralgelenk - Ein Gelenk, dass nicht gelenkig ist

Von ihren namentlich bekannten Gelenken erwarten die meisten Menschen nur eines: dass sie reibungslos funktionieren. Der große Unbekannte unter den Gelenken ist das Iliosakralgelenk.

Spätestens wenn jemand Rückenschmerzen im Beckenbereich hat, lernt er dieses Gelenk kennen. Möglicherweise spricht der Arzt von einer ISG Blockade. Anschließend obliegt es oft einem Physiotherapeuten, die Funktion des Iliosakralgelenks zu erklären.

Lage und Funktion des Iliosakralgelenks

Begeben wir uns gedanklich in den rückwärtigen Bereich des Beckens. Der Grund, warum wir das rechte und linke Iliosakralgelenk nicht als Gelenk auf der Rechnung haben, ist seine Konstruktionsweise. Im Unterschied zu anderen Gelenken ist das schmale, von Knorpelmasse überzogene Iliosakralgelenk im Bereich des Beckens nämlich ziemlich unbeweglich.

Wir verfügen über zwei Iliosakralgelenke: das rechte und das linke. Mediziner nennen diese auch Sakroiliakalgelenke, Kreuzbein-Darmbein-Gelenke oder Kreuz-Darmbein-Gelenke. Wie auf der Grafik zu erkennen ist, befinden sich diese unbeweglichen Gelenke zwischen den Knochen des Darmbeins und des Kreuzbeins.

Beckenknochen mit verschiedenen Bezeichnungen: Iliosakralgelenk, Darmbein, Beckenkamm, Sakral-Vorgebirge, Kreuzbein, Steißbein, Schambein, Spina ischiadica, Schambogen, Sitzbein, Beckenkrempe, Hüftgelenk und Schambeinfuge.

Üblicherweise nehmen die meisten Menschen das Iliosakralgelenk und seine Funktion nicht wahr. Bei Rückenschmerzen im tiefen Kreuz hören sie oft das erste Mal davon. Der Arzt bescheinigt ihnen vielleicht ein Iliosakral-Syndrom oder eine ISG Blockade.

Funktionell tritt das Iliosakralgelenk besonders bei der Geburt eines Kindes in Aktion. Es erlaubt eine Aufdehnung des Beckens. Patienten mit Morbus Bechterew kennen das Iliosakralgelenk besser. Es ist nämlich häufig von Schmerzen betroffen.

Begleitend auftretende Entzündungen am Iliosakralgelenk - die sogenannte Sakroiliitis - gelten als erste Anzeichen für das Auftreten von Morbus Bechterew. Ansonsten begegnet Dir dieses Gelenk vor allem bei ISG Blockaden oder beim Iliosakral-Syndrom.

Schmerzen am Iliosakralgelenk werden oft durch Frakturen oder Überdehnungen der umgebenden Haltebänder, z. B. durch eine Verrenkung ausgelöst. Solche Beschwerden können durch Stürze oder heftige Verdrehungen im Beckenbereich ausgelöst werden.

Möglich ist auch, dass das Iliosakralgelenk durch eine Iliosakralgelenks-Arthrose oder Entzündungen unangenehm auffällt. Besonders im alternativmedizinischen Bereich wird das Iliosakralgelenk stärker beachtet.

Osteopathen, Chiropraktiker, Masseure oder Cranio-Sakral-Therapeuten behandeln angenommene Blockaden (ISG Blockaden) in diesem Bereich. Auch bei der Dorn-Therapie oder bei manuellen Behandlungen spielt die Beckenblockade eine Rolle.

Wie kommt es zu Schmerzen?

Ein ISG Syndrom ist oft die Folge einer Verkantung von Gelenkflächen. Das passiert beispielsweise in der Schwangerschaft gehäufter, vor allem in den letzten Schwangerschaftsmonaten. Ansonsten sind Fehlbelastungen des Beckengelenks Ursache eines ISG Syndroms.

Mit zunehmendem Alter auftretende degenerative Prozesse an Gelenken sind zwar häufig zu beobachten. Zu Schmerzen führen sie jedoch meist nicht. Häufig wird das Iliosakralgelenks-Syndrom durch sportbedingte Verschleißerscheinungen, Stürze, Unfälle oder andere Fehlbelastungen ausgelöst.Medizinisch exakter Schmerzdarstellung im Sakroiliakalgelenk

Typisch für das ISG Syndrom sind anfallartige Schmerzen im Iliosakralgelenk.

Vermehrte Schmerzreize sind vor allem beim Gehen, bei starken körperlichen Anstrengungen, beim Drehen oder Beugen des Rumpfes zu erwarten.

Auch langes Sitzen in ungesunden Haltungen kann diese Beschwerden auslösen. Die Schmerzen, die bei einer ISG Blockade entstehen, können auf der betroffenen Gelenkseite wahrgenommen werden.

Außerdem schmerzen bei einer ISG Blockade der untere Rücken, das Gesäß, sowie die Rückseite der Oberschenkel bis in die Kniekehle.

Der Schmerzgrad ähnelt dem eines Bandscheibenvorfalls. Gelegentlich strahlen die Schmerzen in die Leiste oder den Unterbauch aus. Ursache dafür ist eine Verspannung des "Musculus iliopsoas", also des Lenden-Darmbein-Muskels.

Welche Personengruppen sind besonders gefährdet?

Von Beschwerden am Iliosakralgelenk können mehrere Personengruppen potenziell betroffen sein. Die häufigsten Erkrankungsbilder am Iliosakralgelenk sind

  • die Iliosakralgelenks-Blockade, kurz ISG Blockade
  • das ISG Syndrom
  • die Iliosakralgelenks-Arthrose (ISG Arthrose)
  • die Iliosakralgelenks-Instabilität (ISG Instabilität)
  • sowie eine Instabilität des Beckenrings.

Außerdem nennen Mediziner noch die sogenannte "Symphysen-Sprengung" oder -Lockerung, auch als "Symphysen-Ruptur" bezeichnet. Gemeint ist die - meist unfallbedingte - traumatische Absprengung der Schambeinfuge (Symphysis pubica). Übrigens kann es zu einer Symphysen-Ruptur auch bei einer schweren Geburt kommen.

Menschen in sitzenden Berufen

Menschen in sitzenden Berufen oder Menschen, die sich stundenlang mit Computerspielen befassen, sind eine der größten Risikogruppen. Solange das Sitzen dynamisch bleibt, ist alles gut. In den meisten Büros sind die Schreibtischstühle jedoch wenig ergonomisch.

Dynamisches Sitzen ist eher die Ausnahme. Das Becken samt der Iliosakralgelenke bleibt über Stunden statisch. Dadurch kann es blockieren. Schmerzen am Iliosakralgelenk sind oft die Folge von Bewegungsmangel und einer statischen Sitzposition.

Je länger Du in derselben Position sitzt und je älter Du bist, desto eher bekommst Du es mit einer ISG Blockade oder einem Iliosakralgelenks-Syndrom zu tun. Beim ISG Syndrom verursachen Fehlbelastungen eine erhöhte Aktivierung von Schmerzrezeptoren.

Übergewichtige Menschen und schwangere Frauen

Zum Zweiten sind alle Menschen gefährdet, die erhebliches Übergewicht haben. Das zunehmende Gewicht durch eine fortgeschrittene Schwangerschaft ist ebenfalls ein möglicher Risikofaktor. Bei erheblichem Übergewicht und bei späten Schwangerschaftsstadien wölbt sich der Bauch prominent vor.

Im Fall schwangerer Frauen sorgen hormonelle Prozesse dafür, dass sich die Bänder im Beckenbereich dehnen. Weichere und dehnfähigere Bandapparate sollen die spätere Geburt erleichtern.

Im Falle beträchtlichen Übergewichts dehnen sich die Haltebänder durch zunehmende Gewichts-Überlastung aus. Beides kann ein ISG Syndrom auslösen. Der Grund dafür liegt in der mangelnden Stabilität der stützenden Haltebänder.

Das hat zur Folge, dass die Druckbelastungen rund um das Iliosakralgelenk zu stark werden. Daher tritt die Rückenmuskulatur ein, um die fehlende Stabilität herzustellen. Das führt oft zu starken Verspannungen und nachfolgenden Schmerzen.

Fehlhaltungen oder schweres Heben

Außerdem können chronische Fehlhaltungen oder zu schweres Heben ein ISG Syndrom verursachen. Auslöser der Schmerzen im unteren Rücken sind folglich meist starke Zug- oder Druckbelastungen. Diese wirken auf den stützenden Bandapparat an den Iliosakralgelenken ein.

Das unflexible Iliosakralgelenk selbst kann keine solchen Belastungen abfangen. Diese landen sämtlich im Bandapparat, der das Becken stützt. Außerdem wird die untere Rückenmuskulatur überstrapaziert. Am Ort des Geschehens kommt es nachfolgend zu entzündlichen Reaktionen.

Diese verursachen Schmerzen. Der Umstand, dass die Schmerzen bei einer ISG Blockade als besonders stark wahrgenommen werden, ist der Schmerz-Weiterleitung durch bestimmte Schmerzrezeptoren geschuldet.

Die sogenannten Nozizeptoren liegen im Rückenmark. Durch ein ISG Syndrom werden die Schmerzrezeptoren am Iliosakralgelenks stark aktiviert.

Knochenerkrankungen wie Morbus Bechterew

Auslöser von Schmerzen am Iliosakralgelenk sind außerdem Knochenerkrankungen wie Morbus Bechterew (Spondylitis ankylosans). Diese Gruppe von Menschen gehört daher ebenfalls zu den Risikopatienten.

Das Entstehen eines ISG Syndroms wird durch Knochen-Umbauprozesse ausgelöst, die an der Wirbelsäule stattfinden. Dadurch werden entzündliche Prozessen ausgelöst. Das ISG Syndrom kann als erstes Anzeichen eines Morbus Bechterew gewertet werden.

Behandlungsmöglichkeiten?

Ein Therapeut behandelt eine Patientin mit schmerzen im Beckenbereich

Schmerzen am Iliosakralgelenk bedürfen vermehrter körperlichen Aktivität. Sind die Schmerzen zu stark, sollte ein Physiotherapeut eingeschaltet werden. Eine möglichst zeitnahe Behandlung sorgt für schnelle Schmerzfreiheit.

Der Therapeut rät dem Betroffenen zu speziellen Kräftigungs- und Dehnungs-Übungen. Diese sollen eine Entlastung des Iliosakralgelenks bewirken.

Zu den gängigen Therapiemethoden gehören die Infiltrationstherapie mit schmerzlindernden Lokalanästhetika, sowie die Verordnung von entzündungshemmenden und schmerzlindernden Medikamenten - beispielsweise Kortison.

Außerdem kann eine ISG Blockade mit manueller Therapie und Mobilisationsbehandlungen geheilt werden. Gelegentlich erweisen sich Wärmeanwendungen als hilfreich.

Rotlicht, Heißluft, eine Wärmflasche oder ein Wärmepflaster können sich als schmerzlindernd erweisen. Schmerztabletten oder -salben mit Ibuprofen oder Diclofenac sind hingegen oft wenig hilfreich.

Schmerzlösende Beispielübungen für zu Hause

Um das Iliosakralgelenk zu entlasten und die Schmerzen zu lindern, kannst Du Zuhause nachfolgende Übungen ausführen. Eigenmächtig und ohne Absprache mit dem behandelnden Arzt solltest Du die vorgeschlagenen Dehnungs- und Kräftigungsübungen aber nicht durchführen.

1. Dehnung der unteren/seitlichen Rücken- und Gesäßmuskulatur

Du liegst in Rückenlage auf einem festen Untergrund. Das rechte Bein ist ausgestreckt. Das linke wird so angewinkelt, dass der Fuß auf Kniehöhe steht. Die rechte Hand liegt auf dem linken Oberschenkel.

Aus dieser Position wird dein Beckenregion nun langsam so nach rechts gedreht, dass das angewinkelte Bein über das ausgestreckte Bein gehoben werden kann.

Der Oberkörper dreht sich dabei nicht mit. Der Kopf wird zur gegenüber liegenden Seite gedreht. Je Seite einmal ausführen und maximal 15 Sekunden halten.

2. Kräftigung der Muskulatur im unteren Rücken

Du stehst breitbeinig und mit leicht gebeugten Knien auf festem Untergrund. Die Füße stehen auf der Mitte eines leicht gedehnten Thera-Bandes. Der Oberkörper wird mit geradem Rücken vorgebeugt.

Beide Hände umfassen die Enden eines elastischen Thera-Bandes. Das Thera-Band wird nun bei ausgestreckten Armen gespannt und gerade nach oben gezogen. Der Oberkörper wird dabei aufgerichtet. Der Rücken ist gerade.

Die Bauchmuskulatur wird bei leicht gebeugten Beinen angespannt. Zweimal nacheinander je 10-15 Wiederholungen mit einer Pause zwischen beiden Einheiten.

3. Dehnung der Hüftbeuger und der Leistenregion

Breitbeiniger Stand auf festem Untergrund. Arme hängen gerade neben dem Körper. Das Becken wird aus dieser Position nach vorne gekippt.

Das damit einhergehende Dehnungsgefühl im Leistenbereich kann durch eine vorsichtige Beckendrehung verstärkt werden. Einmal ausführen, maximal 15 Sekunden halten.

4. Stärkung der Hüftbeuger und der unteren Bauchmuskulatur

Rückenlage auf festem Untergrund. Beine etwa 90 Grad anwinkeln und etwas spreizen. Druck aus dem unteren Rücken gegen den Boden. Die Beine werden nun in angewinkelter Position nach oben bewegt.

Der Druck des unteren Rückens gegen den Boden bleibt bestehen. Zweimal wiederholen, jeweils 10-15 Mal je Einheit.

5. Dehnung der Gesäßmuskeln

Rückenlage auf festem Untergrund. Druck vom unteren Rücken auf den Boden aufbauen. Rechtes Bein anwinkeln. Linkes Bein anwinkeln. Den Knöchel unter dem rechten Knie ablegen.

Rechtes Bein unterhalb des Knies umfassen. Linke Hand fasst zwischen beiden Beinen hindurch. Rechte Hand nach rechts um das rechte Bein legen.

Rechten Unterschenkel dann in Richtung auf das Gesicht führen. Druck im Rücken aufrecht erhalten. Einmal nach jeder Seite ausführen, 10-15 Sekunden halten.

6. Kräftigung der Gesäßmuskulatur

Auf festem Untergrund eine kniende Position einnehmen. Knie liegen nah beieinander. Oberkörper vorbeugen. Auf Ellenbogen stützen. Gerade Rückenhaltung. Thera-Band mit beiden Händen umfassen und um einen Fuß spannen.

Dann den Fuß mit dem Thera-Band schräg nach hinten oben führen. Körper und Bein bilden dabei eine Diagonale. Bein zurückführen, Spannung erhalten. Jeweils zweimal mit 10-15 Wiederholungen durchführen.

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