Lumboischialgie - Ein verwechslungsträchtiges Syndrom

Wenn jemand im tiefen Rücken einen starken Schmerz verspürt, sagt mancher Betroffene "Mich hat wieder einmal die Hexe erwischt." Andere Schmerzgeplagte sprechen dann vom eingeklemmten Ischiasnerv. Doch manchmal ist beides nicht korrekt. Lediglich über den Austragungsort der Schmerzen besteht Einigkeit.

Möglicherweise werden die Ischias-ähnlichen Rückenschmerzen vom Arzt als "Wurzelreizsyndrom" bezeichnet. Ersatzweise könnte er auch vom radikulären Lumbalsyndrom, lumbalen Wurzelsyndrom, Ischias-Syndrom oder einer Radikulopathie bzw. komplizierten Kreuzschmerzen sprechen.

Gemeint ist immer dasselbe. Der korrekte medizinische Fachbegriff für die typische geschilderte Symptomatik ist jedoch Lumboischialgie. Die Ähnlichkeit einer Lumboischialgie zum Ischias-Schmerz ist durchaus gegeben. Bei beiden Schmerzzuständen klagt der Patient über starke Schmerzen in der Lendenwirbel-Region.

Diese strahlen meist in ein, seltener in beide Beine aus. Der Grund für die Ischias-ähnlichen Symptome ist, dass die Beschwerden sich tatsächlich im Versorgungsbereich des "Nervus ischiadicus" abspielen. Insofern ist eine Beteiligung des Ischiasnervs typisch für beide Diagnosen. Ursächlich für das Auftreten von Lumboischialgien sind meistens Bandscheibenvorfälle.

Diese liegen beispielsweise im Lendenwirbelbereich zwischen den Lendenwirbeln LWK (Lendenwirbelkörper) 3 bis 5. Alternativ können aber auch die Lendenwirbel LWK 1 und 5 betroffen sein. Hier entspringt der Ischiasnerv. Es können aber auch andere Verursacher für die Lumboischialgie vorliegen.

Beispiele dafür sind degenerative Prozesse wie Arthrose oder Osteoporose. Diese Prozesse führen zu Verlagerungen einzelner Bandscheiben. Das führt in der Folge zu verstärktem Druck auf den Ischiasnerv. Seltener auftretende Ursachen für eine Lumboischialgie werden weiter unten angesprochen.

Was ist eigentlich eine Lumboischialgie?

Mann mit Schmerzen im unteren Bereich auf grauem Hintergrund

Typisch für eine Lumboischialgie sind dem Ischias-Schmerz ähnliche Schmerzempfindungen. Der Schmerzort liegt im unteren Rücken. Er zieht von dort - meist einseitig - in Richtung Beine. Es kann im Verlauf einer Lumboischialgie auch zu Missempfindungen wie Taubheit oder Kribbeln kommen.

Sollte es zu Beschwerden beim Stuhlgang oder beim Urinieren kommen, wäre das ein medizinischer Notfall. Gleiches gilt für Lähmungserscheinungen in den Beinen. Der Unterschied zwischen einer Lumboischialgie und einer Ischialgie ist nicht sehr groß. Beim Ischias ist lediglich der Ischiasnerv selbst betroffen.

Er ist eingeklemmt, durch Druck geschädigt oder überreizt. Bei der Lumboischialgie ist neben dem Ischiasnerv noch eine Reizung an weiteren Nerven festzustellen. Dabei handelt es sich um spezielle Nerven, die als lumbale Nerven bezeichnet werden. Diese verlaufen im Rückenmarkskanal.

Sie treten im Bereich der Lendenwirbelsäule aus, um sich zu teilen. Danach verlaufen sie in die Beine und Füße. Die lumbalen Nervenstränge sind für das Beugen der Hüfte oder eine Streckung der Knie wichtig. Außerdem übernehmen sie Funktionen im Bereich der Gesäßmuskulatur.

Zum Beispiel sorgen sie dafür, dass ort auftretende Schmerz-, Berührungs- oder Temperatur-Reize ans zentrale Nervensystem (ZNS) weitergeleitet werden. Das betrifft naturgemäß hauptsächlich Schmerzreize, die sich im unteren Rücken oder an der Bein-Vorderseite ausbreiten. Durch das Ausstrahlen der Schmerzen ins Bein ist es recht schwer, die Symptome der Ischialgie und der Lumboischialgie voneinander zu unterscheiden.

Zudem gibt es Symptomatiken, die eher wenig eindeutig sind. Beispielsweise können die typischen Schmerzen im tiefen Kreuz komplett fehlen. Das erschwert die Diagnosestellung. In diesem Fall schildern die Betroffenen lediglich ausstrahlende bzw. Dermatom-bezogene Schmerzen in den Beinen.

Dermatom-bezogene Schmerzen spielen sich typischerweise auf einem bestimmten Hautareal - dem sogenannten Dermatom - ab. Der Schmerzort gibt einen relativ genauen Hinweis darauf, welcher Abschnitt des Ischiasnervs geschädigt, gequetscht oder gereizt ist.

In anderen Fällen von Lumboischialgien kommt es lediglich zu Gefühlsstörungen. Es liegen beispielsweise keine Schmerzen, sondern nur sogenannte Hypästhesien oder Parästhesien wie Kribbelgefühle, Taubheitsgefühle oder eine erhöhte Druckempfindlichkeit vor.

Bei anderen Menschen kommt es zu einer Muskelschwächung und motorischen Ausfällen, etwa Lähmungen und einer Verringerung der Kraft. Oft ist die Bewegungsfähigkeit beim Bücken oder Aufrichten erheblich eingeschränkt. Alles, was den Oberkörpers dehnt oder einer Drehung zuführt, ist bei einer Lumboischialgie erschwert.

Automatisch nehmen die Betroffenen eine entlastende Schonhaltung ein. Wenn die Betroffenen versuchsweise aufrecht stehen möchten, werden die Symptome meist schlimmer. Schonhaltungen können aber zu weiteren Beschwerden an anderer Stelle führen.

Die Symptome einer Lumboischialgie

Für einen erfahrenen Orthopäden ist klar, dass die geschilderten Schmerzen und Beschwerden typische Anzeichen für bestimmte Syndrome sein könnten. Bei Reizungen sowie bei unfall- oder druckbedingten Schäden an bestimmten Nervenwurzeln ist der Schmerzort aussagefähig.

Der Schmerz tritt nämlich exakt dort auf, wo die betroffene Nervenwurzel liegt. Von dort aus versorgt sie die Umgebung. Jeder Störung an einer Nervenwurzel kann also anhand einer bestimmten Region auf dem Körper bzw. der Haut eine exakte Diagnose zugeordnet werden.

Die diagnostisch relevanten Hautareale nennt man Dermatome. Mediziner bezeichnen den Schmerzort je nach Lage des Dermatoms mit dem Buchstaben L und einer Ziffer. Die erste lumbale Nervenwurzel wäre also dem Schmerzort nach als L1 zu bezeichnen. Daraus ergibt sich eine Aufstellung wie folgt:

  • L1 - tiefe Rückenschmerzen, die in die vordere Leistenregion ausstrahlen
  • L2 - tiefe Rückenschmerzen, die sich unterhalb der Leiste entwickeln. Sie können bis in die Oberschenkel-Vorderseite ausstrahlen
  • L3 - tiefe Rückenschmerzen, die auf die Oberschenkel-Vorderseite ausstrahlen. Sie ziehen auf der Außenseite des betroffenen Beines bis ins Knie
  • L4 - tiefe Rückenschmerzen, die auf die Oberschenkel-Vorderseite ausstrahlen. Sie verlaufen dann schräg über ein Knie bis über die Innenseite der Wade
  • L5 - tiefe Rückenschmerzen, die an der Oberschenkel-Außenseite entlangziehe. Danach verlaufen sie entlang des Schienbeins bis in den Fuß.

Auch die weiteren Begleiterscheinungen - beispielsweise Taubheitsgefühl oder Kribbeln - spielen sich vorzugsweise in einem der genannten Dermatome ab. Dem Arzt erlaubt das eine sehr präzise Diagnose der Lumboischialgie.

Ein weiteres Begleitsymptom von Lumboischialgien kann eine spürbare Muskelschwäche in den Beinen oder im unteren Rücken sein. Plötzlich kommt der Betroffene kaum noch eine Treppe hoch. Die Belastung des betroffenen Beins fällt schwer. Der Ein Bein- oder der Zehenstand auf dem betroffenen Bein sind nicht mehr möglich.

Jedes Durchstrecken des Rückens ist äußerst schmerzhaft. Der behandelnde Arzt stellt außerdem häufig schwache oder nicht mehr auszumachende Reflexe fest. Wahlweise sind bei einer Lumboischialgie der Achillessehnen-, der Patellasehnen- oder der Adduktorenreflex betroffen.

Die Diagnosestellung bei einer Lumboischialgie

Üblicherweise erhält der behandelnde Arzt zu Beginn durch die Anamnese wichtige Informationen. Die Erhebung der Krankengeschichte hat Tradition. Sie ist aber auch eine wichtige Informationsquelle über Beschwerde Klage, Schmerzort und -Intensität.

Unabhängig von wertvollen Informationen enthält die Erzählung meist auch subjektive Wahrnehmungen und Eigeninterpretationen des Patienten. Daher ist erst die körperliche Untersuchung, ergänzt durch weitere Verfahren, wirklich informativ. Bei der Untersuchung werden Beweglichkeit, Schmerzort und Gelenktätigkeit ebenso abgetastet wie die Muskelkraft und das Vorhandensein von Reflexen.

Typisch für eine Schmerzauslösung am Ischiasnerv sind Nervendehnungs-Schmerzen. Diese können mittels positiver "Lasègue-Zeichen" bzw. durch "Bragard-Zeichen" ermittelt werden. Motorischen Einschränkungen prüft der Arzt, indem er den Betroffenen auffordert, kurz den Zehen- und Hackengang auszuführen.

Er soll anschließend möglicherweise auf einem Bein stehen - vorzugsweise auf dem betroffenen Bein. Das Einkreisen der Beschwerde-Ursachen kann außerdem durch neuro-orthopädische Untersuchungen und neurologische bzw. elektrophysiologische Testverfahren vorgenommen werden.

Liegen bei einer Lumboischialgie schon mehrere Wochen lang Beschwerden vor, müssen bildgebende Verfahren eingesetzt werden. Gleiches gilt, wenn oder haben sich die Symptome trotz Therapie verschlimmert haben. Akute Symptome wie Taubheit, Lähmungserscheinungen oder Störungen beim Urinieren oder beim Stuhlgang rechtfertigen eine Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT).

Solche aufwändigen Untersuchungsverfahren werden meist erst eingesetzt, wenn die Beschwerden bereits zwei oder vier Wochen lang bestehen. In diesem Fall haben sie sich trotz der bisher durchgeführten Therapiemaßnahmen nicht verbessert.

Ist die Beschwerde Klage offensichtlich Therapie-resistent, könnte eine andere Ursache als die ursprünglich angenommen eine Lumboischialgie ausgelöst haben. Geforscht wird bei der Erstuntersuchung folglich auch danach, ob der Lumboischialgie möglicherweise ein Bandscheibenvorfall oder ein Wirbelbruch zugrunde liegt.

Bandscheibenvorfälle gehören sogar zu den häufigsten Auslösern einer Lumboischialgie. Wenn der Stöße abpuffernde Gel-Kern einer Bandscheibe nach außen tritt, verursacht das erhöhten Druck auf Nervenwurzeln. Die Folge sind Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und andere Störungen.

Wirbelkörperbrüche können durch Osteoporose, unglückliche Stürze oder einen Unfall entstehen. Möglich ist auch, dass degenerative Prozesse an tief sitzenden Wirbelgelenken eine Nervenwurzel beengen. Durch bildgebende Verfahren wie MRT oder CT kann außerdem ermittelt werden, ob die Schmerzen möglicherweise durch

  • Entzündungen an Bandscheiben und angrenzenden Wirbelkörpern (Spondylodiszitis)
  • eine von Zeckenbissen verursachte Borreliose
  • einen Abszess
  • Nierensteine
  • ein Bauchaorten-Aneurysma
  • Zysten an einem Eierstock
  • oder einen raumgreifenden Tumor bzw. eine Metastase

entstanden sind.

Die Therapie-Optionen bei einer Lumboischialgie

Üblicherweise wird eine Lumboischialgie mit konservativen Methoden behandelt. Voraussetzung dafür ist, dass keine Lähmungen vorliegen. Keine der eben genannten Diagnosen darf ursächlich sein. Die Lumboischialgie wird meist mit einer Kombination aus medikamentöser Schmerzlinderung und Physiotherapie behandelt.

Bei Nachweis einer am Geschehen beteiligten oder auslösenden Infektion wie der Borreliose muss der Patient vermutlich Antibiotika oder Virostatika einnehmen. Falls die konservative Lumboischialgie-Behandlung nicht geholfen hat, kann eine operative Maßnahme in Betracht gezogen werden.

Gleiches gilt auch, falls der Zustand sich trotz konservativer Behandlung verschlimmert hat. Bei Bandscheibenvorfällen kann beispielsweise der hervorgetretene Gel-Kern, der als Stoßdämpfer zwischen den Bandscheiben fungiert, operativ entfernt werden.

Damit schwindet auch der Druck auf die Nervenwurzel. Diese Operation heißt Nukleotomie. Als medizinischer Notfall sind akute Lumboischialgien anzusehen, die von Störungen der Harn- und Stuhlentleerung begleitet werden und/oder Lähmungen verursachen.

Hier wird oft eine schnelle Einweisung ins Krankenhaus zwecks Durchführung einer Notoperation notwendig. Gleiches gilt beim Vorliegen eines sogenannten "Cauda-equina-Syndrom", auch als "Cauda-equina-Kompressions-Syndrom" beschrieben.

Benannt ist damit eine Kombination von neurologischen Ausfällen. Diese beruhen auf einer starken Quetschung von pferdeschweif-artig gebündelten Spinalnervenwurzeln, der "Cauda equina". Ursächlich für das Cauda-Syndrom ist ein schwerer Bandscheibenvorfall.

Auch in solchen Fällen klagen Betroffene über starke Rückenschmerzen und Bewegungs-Beeinträchtigungen im Lendenbereich. Die Schmerzen strahlen von einem Bein bis in die Knie und den Unterschenkel aus. Es sind also auch hier radikuläre Schmerzen zu verzeichnen. Diese können mit einer Lumboischialgie verwechselt werden.

Anders als bei einer Lumboischialgie wird das Cauda-Syndrom jedoch als medizinischer Notfall eingestuft. Wird der Patient bei einem Cauda-Syndrom nicht notoperiert, könnte er dauerhaft querschnittgelähmt bleiben. Die Quetschung der Nerven durch den Bandscheibenvorfall muss umgehend beseitigt werden.

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